Unternehmer sollten politisch in die Offensive gehen

16. August 2023

Das Vertrauen in die Wirtschaft hat in der Bevölkerung stark abgenommen. Wirtschaftsskeptische Kreise haben mit Vorwürfen und Anschuldigungen ein leichtes Spiel, weil Unternehmer zumeist in der Defensive bleiben. Das muss sich ändern.

Nach der verlorenen Abstimmung über die Teilabschaffung der Verrechnungssteuer im vergangenen Herbst klagte der damalige Bundesrat Ueli Maurer über das schwin­den­de Verständnis in der Bevölkerung für wirtschaftliche Zusammenhänge. Ins gleiche Horn geblasen hatte zuvor schon Nestlé-Präsident Paul Bulcke, der es so formulierte: «Die Schweizer haben sich an den Wohlstand gewöhnt – und vergessen, was uns hierher gebracht hat.»

In der Tat hat das Vertrauen grosser Teile der Bevöl­ker­ung in die Wirtschaft in den letzten Jahren Risse bekommen. Vor allem grossen Unternehmen bläst seit längerem ein eisiger Wind entgegen. Das Scheiben­schies­sen wirtschaftsfeindlicher Kräfte auf Konzerne ist beliebt, obwohl diese rund einen Viertel der Arbeitsplätze in der Schweiz stellen und volkswirt­schaftlich von grosser Bedeutung sind.

Auf Tuchfühlung gehen

Anstatt in den Klagechor über die zunehmende Entfrem­dung von Wirtschaft und Ge­sellschaft einzustimmen, täten Unternehmer und Unternehmerinnen nun aber gut daran, in die Offensive zu gehen und zu agieren, und nicht nur zu lamentieren. Um das Ver­trau­en der Bevöl­kerung in die Wirtschaft wiederzugewinnen, müssen die Unternehmer aktiv werden, im Sinne von: Hört die Signale der Bevölkerung! Wirtschaftsvertreter sollten die – im Abstimmungs­verhalten ersichtlichen – Warnzeichen der Bevölkerung und deren «Fremdeln» mit der globalisierten Wirtschaft ernst nehmen. Ein grosser Teil der Bevöl­kerung nimmt den Firmen offenbar nicht (mehr) ab, dass sie sich auch in Schwel­len- und Entwicklungsländern anständig verhalten.

In den Köpfen vieler Schweizer kollidiert das Bild vom guten Patron, der sich an Unternehmenswerten orientiert, mit dem Bild des Managers, dem es gleichgültig ist, ob er seine Jogging-Runden am Vierwaldstättersee oder in Singapur dreht. Anstatt lange wegzu­schauen, um dann plötzlich – wie bei der Abstimmung über die KVI – nervös zu werden, eine Drohkulisse hochzufahren und anschliessend zu lamentie­ren, sollten sich Wirt­schafts­­­­vertreter dem Unbehagen in der Bevölkerung stellen.

Es ist somit erforderlich, dass Unternehmer auf Tuchfühlung gehen mit der Bevölkerung. So mancher Wirtschafts­führer scheint vergessen zu haben, dass in der direkten Demokratie ein guter Draht zum Volk – trotz Globalisierung – entscheidend ist und es nicht genügt, wenn man das Gespräch mit der Bevölkerung erst nach einem Skandal oder vor einer delikaten Abstimmung sucht.

Anstatt sich in eine abstrakte Wirtschaftssprache zu flüchten, die niemand mehr versteht, sollten es Firmenchefs den Sportlern gleichtun und Geschichten erzäh­len: von ihren Träumen und Abenteuern, von ihren Höhen und Tiefen, von ihrer Kreativität und der Passion für ihr Unternehmen. Anstatt sich in trockene Statistiken zu flüchten, sollten Unter­neh­mer auf Podien, in Talkrunden und in Vereinsversammlungen vermehrt Red und Antwort stehen und erklären, dass Wirtschaft nichts Abstraktes ist, dass wir alle Teil der Wirt­schaft sind – sei es als Konsumentin, Produzent, Dienstleisterin, Arbeit­ge­ber oder Investorin.

Unternehmer sollten ökonomische Aufklärung betreiben und den Leuten erklären, dass es ohne kluge Köpfe in den Entwicklungsab­teilungen keine innovati­ven Produkte gibt und ohne Arbeitgeber, die das unternehmerische Risiko über­nehmen, soziale Marktwirtschaft nicht funktioniert. In der politischen Land­schaft der Schweiz ist der Unternehmer, der sich auch ausserhalb des Werk­geländes seiner politischen Verantwortung stellt, nun einmal glaubwürdiger, und das Gewicht seiner Stimme zu finanz- und wirtschafts­politischen Themen wiegt nun einmal schwerer als dasjenige von aussenstehenden Dritten.

Ethische Debatten nicht scheuen

Wichtig ist dabei, dass die Wirtschaft endlich auch in die ethische Offensive geht. Gerade Volksabstimmungen sind zunehmend moralisch aufgeladen, und wirtschaftsskeptische Akteure werfen gezielt ethische Argu­mente in die politische Waagschale. Die Wirtschaft aber hat bisher auf ethi­sche Argumente vorwiegend defensiv reagiert. Anstatt die Deutungshoheit über wirt­schafts­ethische Fragen wirtschaftsskeptischen Akteuren zu überlassen, sollten Firmenchefinnen und CEO in der Auseinander­setzung über wirtschaftsethische Fragen nicht als Gegner, sondern als Partner auftreten.

Sie sollten erklären, weshalb sie etwas tun oder nicht tun und dar­legen, weshalb etwas trotz politischen Vorbehalten ethisch nicht nur zulässig, sondern sogar geboten sein kann; zum Beispiel mit schwierigen Ländern wie China Geschäfte zu machen: weil Konzerne aufgrund ihrer langen Präsenz in einem Land mit konti­nuierlichen Verbesserungen oftmals mehr erreichen können als jede staatliche Ent­wicklungshilfe oder das Wirken von NGO.

Ob es die Wirtschaft schafft, mit ihrer Bot­schaft «Der Schweiz geht es gut, wenn es der Wirtschaft gutgeht» bis zum Volk durchzudringen und dessen Vertrauen zurück­zugewinnen, wird nicht unwesentlich davon abhängen, ob Wirtschaftsführer gewillt sind, ihrer Verantwortung auch ausserhalb des Werkgeländes wieder vermehrt nach­zu­­kom­men.

Béatrice Acklin Zimmermann ist Geschäftsführerin des Think-Tanks Liberethica; Simon Michel ist CEO der Ypsomed-Gruppe.