Gastkolumne: Noch braucht die Wohlstandszunahme ein Bevölkerungswachstum

15. April 2024

Bei Ypsomed in der Schweiz arbeiten rund 1700 Mitarbeitende aus 58 Nationen, rund 1200 sind Schweizerinnen und Schweizer, rund 500 kommen aus dem Ausland, die meisten aus Europa. Wir sind auf diese Kolleginnen und Kollegen angewiesen. Sie verrichten Arbeit oder bringen Expertise, die wir im Inland nicht finden. Und dies, obschon wir Menschen über 60 anstellen und unsere Mitarbeitenden bis 70 bei uns arbeiten dürfen.

Die zunehmende Gefahr einer Kontingentierung der Einwanderung aus der EU – was die SVP seit Jahren durchzusetzen versucht – zwingt uns nun aber, im Ausland, in unseren Werken in Deutschland und China und ab 2027 auch in Nordamerika, zu investieren. Denn bei einer Annahme der 10-Millionen- Schweiz-Initiative ist es realis- tisch, dass in rund 15 Jahren eine solche Kontingentierung angewendet werden müsste.

In den vergangenen 20 Jahren hat die ständige Wohnbevölkerung in der Schweiz netto um rund 65 000 Menschen pro Jahr zugenommen: 25000 aus Geburtenüberschuss (Lebendgeburten minus Todesfälle) und im Durchschnitt 40 000 aus Netto-Zuwanderung, wobei wir hier stärkere und schwächere Zuwanderjahre erlebt haben, wie im Jahr 2023 mit 99000 und im Jahr 2000 mit unter 20 000.

Unser Mittelstand stagniert und es gibt immer noch Armut in der Schweiz. Wenn wir dies verändern und den allgemeinen Wohlstand erhöhen wollen, brauchen wir ein leichtes Wirtschaftswachstum. Und dies wiederum braucht – noch – ein leichtes Bevölkerungswachstum. Das ist volkswirtschaftlich bewiesen.

Heute wächst das Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) im Schnitt um 2 Prozent. Die Bevölkerung nimmt aber nur um rund 1 Prozent pro Jahr zu. Die «Ressource Mensch» ist also bereits relativ effizient eingesetzt. Ein BIP-Wachstum von 2 Prozent ohne Bevölkerungswachstum ist denkbar, wenn wir in Zukunft noch mehr Automatisierung, Robotik und künstliche Intelligenz einsetzen, um die Produktivität noch weiter zu steigern.

Nicht nur in Fabriken, auch bei Dienstleitungen, in Banken, in Kanzleien, beim Staat. Wenn wir diese Möglichkeiten ausschöpfen, weniger Teilzeit arbeiten und bereit sind, auch etwas länger zu arbeiten, dann können wir in Zukunft unseren Wohlstand auch ohne Zuwanderung steigern.

Wenn wir die Initiative aber annehmen, dann hat dies drei erhebliche Konsequenzen: Erstens legen wir uns ein Korsett an, das der Wirtschaft wenig Spielraum lässt und sie motiviert, im Ausland zu investieren.

Zweitens laufen wir Gefahr, dass durch die damit verbundene Ablehnung der Personenfreizügigkeit die anderen vier bilateralen Verträge mit der EU – Luft- und Landverkehr, Landwirtschaft und das wichtige Regelwerk über den Abbau von technischen Handelshemmnissen – durch die bestehende Guillotine-Klausel fallen. Dies hätte einen massiven Einfluss auf unser Wirtschaftswachstum. Wir würden dann zwar nicht mehr Menschen und Ausländer in der Schweiz haben, dafür mehr Armut und garantiert einen schlechter gestellten Mittelstand.

Und drittens: Ich bin überzeugt, dass diese Initiative für den Zusammenhalt und sozialen Frieden in unserem Land gefährlich ist. Wie muss man sich als Ausländerin oder Ausländer fühlen, wenn man von diesem Vorhaben liest? Es leben heute gut 2,3 Millionen Menschen ohne Schweizer Pass

in unserem Land: Ärztinnen und Pfleger, Experten und Serviceangestellte, Erntehelfer und Fabrikarbeitende, welche sich in einem fremden Land einsetzen und damit mitverantwortlich sind für unseren Wohlstand. Vielleicht sollten sie alle einmal für zwei Wochen ihre Arbeit niederlegen, damit wir spüren, wie wichtig sie für uns alle sind.